Historischer Spaziergang durch Ellenz

Gerne laden wir sie zu einem virtuellen Spaziergang auf den Spuren der Ellenzer Geschichte ein. Am Besten beginnen wir unseren Weg an der alten Pfarrkirche St. Martin, die markant über dem Ortskern von Ellenz thront. Der an der Grenze der Flurdistrikte „Auf der Burg" und „Im Elend" errichtete Sakralbau geht wahrscheinlich auf eine merowingische Königskapelle des 7. Jahrhunderts zurück und wird bereits um 1100 als Pfarrkirche bezeichnet. Vom hochmittelalterlichen Nachfolgebau des ausgehenden 12. Jahrhunderts ist noch der fünfgeschossige spätromanische Westturm erhalten.
 
Das heutige Kirchenschiff wurde 1494 bis 1499 in Form einer für das Moselland charakteristischen spätgotischen Einstützenhalle vermutlich durch Peter von Wittlich errichtet. Der Westturm erhielt damals durch Aufbau einer achtseitigen geschieferten Pyramide sein gotisches Gepräge. Der gleichaltrige spätgotische Chorraum wurde 1762 abgebrochen und durch einen einfachen barocken Anbau ersetzt. Auf dem nördlichen Friedhofsteil steht eine beeindruckende Kreuzigungsgruppe; eine Trierer Arbeit von 1670 aus graugelbem (Udelfanger) Sandstein in barocker Auffassung. Der ausdruckstarke Kruzifixus ist lebensgroß, die Assistenzfiguren - Mutter Maria und Apostel Johannes - in bewegter Haltung, sind deutlich kleiner. Auf dem südlichen Friedhofsteil wurde als Pendant dazu ein Missionskreuz des 18. Jahrhunderts aufgestellt.

Folgen wir südlich des Kirchhofs der Schulstraße in Richtung der Hauptstraße so fällt uns bald der hohe Kamin eines alten Bruchsteinhauses – die sogenannte „Warsburg" – ins Auge. Das Burghaus Warsberg, wie es korrekt heißt, soll um 1470 durch Heinrich von Warsberg und Margarethe von Ellenz, der Erbtochter der Ritter von Ellenz, errichtet worden sein. Am Kamin erkennt man noch die ursprüngliche Putzkante des Hauses. Der jetzt zweigeschossige Bau besaß früher ein drittes Stockwerk. Darüber erhob sich ein mächtiges und steiles Satteldach, mit drei Dachgeschossen. Der Dachfirst verlief ursprünglich genau in entgegen gesetzter Richtung nach Westen und Osten. Westlich des Burghofs befand sich eines der beiden Hofhäuser, das sogenannte „Kleinkelterhaus" (Schulstraße 3). Das ehemalige „Großkelterhaus" war an die heute verschwundene alte Burg der Ellenzer Ritter angebaut, die vermutlich südwestlich des Burghauses stand und dem bis an die alte Kirche reichenden Distrikt die Bezeichnung „Auf der Burg" gab. Das Burggut und die alte Ellenzer Kirche gehen wahrscheinlich auf einen merowingischen Königshof des 7. Jahrhunderts (Fiscus Elendesam) zurück, der sich vom 10. bis 12. Jahrhundert im Besitz der Ahrgrafen befand und dessen Restbestand im 13. Jahrhundert von den ortsansässigen Gutsverwaltern, den Rittern von Ellenz, an sich gezogen wurde.

Zum Burggut gehörten auch die bis weit ins 19. Jahrhundert unbebauten Flächen jenseits der Hauptstraße zur Mosel hin. Hier errichtet die Gemeinde im Jahr 1836 ihre Volksschule (Hauptstraße 16, heute eine Schreinerei) mit zwei Schulsälen. Der Bau ersetzte das an das Rathaus angebaute alte Schulhaus. Das Gebäude ist ein gutes Beispiel für den von Koblenz ausgehenden und durch Johann Claudius von Lassaulx (1781 bis 1848) begründeten Stil der Moselklassizistik.

Folgt man der Hauptstraße in Richtung Süden, so trifft man - vorbei an zwei alten Nebengebäuden der Warsburg - hinter der Einmündung der Neustraße auf ein eigenwilliges Haus mit Elementen des Jugendstils und der Neorenaissance in französischer Art. Das Haus wurde 1907 von dem Steinmetz und Bildhauer Michel Robert geschaffen, der am Bau der neuen Pfarrkirche beteiligt war, eine Ellenzerin heiratete und sich hier niederließ.

Weiter nach Süden öffnet sich dem Betrachter nun der Blick auf die 1904 bis 1908 von Wilhelm Hector im neugotischen Stil errichtete kath. Pfarrkirche St. Martin „Am roten Kreuz". Er setzte den Neubau an städtebaulich hervorragender Stelle in die Fortsetzung der dörflichen Hauptstraße zwischen zwei vom Endpunkt der Straße ausgehende Feldwege (heute: Weingartenstraße und Im Goldbäumchen). In perspektivisch geschickter Aufweitung der Straße zum Kirchplatz legte er auf die (durch den späteren Kapellenvorbau gestörte) strenge Gliederung der Nordfassade im dem Kirchenportal großen Wert. Die ins sichtigem Schieferbruchstein in „wildem Verband" - dem Jugendstil entsprechend - gemauerte Fassade erscheint als sparsam gegliederte Wand mit betonter Portalsituation als Zeichen dafür dass es aus dem Dorf nur einen Weg gibt, den in das Gotteshaus hinein. Über dem spitzbogigen Portal aus Kyllsandstein baut sich fialenbetont eine vierbahnige, dreipassförmige Sockelzone zu dem reich gestalteten vierbahnigen Fenster auf. Durch eine umlaufende Sohlbank werden zwei baldachingekrönte Figurennischen eingebunden, in denen Sandsteinfiguren der Maria Immaculata und des hl. Josef in französisch beeinflusster, etwas süßlicher Auffassung stehen.

Kehren wir zurück zum Burghaus, so finden wir unmittelbar nördlich davon die Spuren eines weiteren alten Hofgutes - der Steinfelder Hof (Hauptstraße 21). Durch einen neuen Vorbau etwas verdeckt, ist der barocke Bau des Hofes, als ehemals dreiflügelige Anlage noch erhalten. Das in frühklassizistischer Baugesinnung nach dem Bauschema des Habsburger „Maria-Theresia-Ländchens" errichte Gebäude ersetzte um 1760/70 eine weitaus ältere Hofanlage. Die Prämonstratenserabtei Steinfeld war im Mittelalter der größte Grundbesitzer in Ellenz-Poltersdorf. Schon um 930 war die Kirche von Steinfeld im Besitz von Weinbergen in Ellenz, die ihr der königliche Amtswalter Sibodo aus dem Geschlecht der Ahrgrafen geschenkt hatte. Die benachbarten Grundstücke einschließlich der Flächen zur Mosel hin bildeten einen befriedeten Bezirk mit gerichtlicher Immunität und Asylrecht.

Zur Zehnthausstraße (früher Zehntgasse) hin wird die alte Bebauung beidseits der Hauptstraße dichter. Auf dem vorderen Eckgrundstück erkennt man noch ein Hofhaus des 15. Jahrhunderts (Hauptstraße 24) mit einem von 9 Stützen getragenen Fachwerkgiebel mit Resten eines Schwebegiebels, bis 1665 vermutlich das Hofhaus der Grafen von Isenburg bzw. ihrer Vasallen, der Herren von Ulmen. Eine Inschrift lässt uns vermuten, dass das 1665 als „ganz ruiniert" beschriebene Gebäude 1734 erneuert und nach Osten hin erweitert wurde. Der typische ummauerte Vorhof ist noch erkennbar, auch wenn der alte steinerne Torbogen der Hofeinfahrt leider nicht mehr vorhanden ist.

Die Zehnthausstraße verdankt ihren Namen dem Zehnthof des Kardener St. Kastorstifts, die schon um 1100 Zehntherren der Pfarrkirche Ellenz waren. Das Haus Zehnthausstraße 2 steht auf den Grundmauern des 1928 abgebrannten großen Keller- und Wirtschaftsgebäudes der Stiftsherren. Daran schloss sich am Moselufer das Wohn- und Kelterhaus des Hofschultheißen an. Das linksseitige Hauptgebäude (Moselweinstraße 16) hat die Zeiten überdauert. Es ist an der Front zweiachsig, auf der Hofseite dreiachsig, mit hohem Erdgeschoss aus Stein. Das vorgekragte Fachwerkgeschoss (überputzt) ist von langen Streben gestützt, die noch heute auf sieben spätgotischen Konsolenköpfen (vier Masken, drei Engelbrustbilder) von rotem Sandstein aufliegen. Diese stammen vermutlich aus dem 1762 abgerissenen Chor der alten Pfarrkirche. Auf einer Zeichnung von 1863 erkennt man noch den ursprünglichen Schwebegiebel des Wohnhauses.

Südlich der Zehnthausstraße befand sich einst der Pfarrhof mit dem Kirchenkelterhaus. Der Oberpräsident der Preußischen Rheinprovinz (Ernst von Bodelschwingh der Ältere) setzte sich 1838/39 persönlich für einen Neubau des Pfarrhauses (Moselweinstraße 15) ein, da das alte Gebäude, wie er bei seiner „Anwesenheit daselbst zu bemerken Gelegenheit hatte", in „äußerst schlechtem Zustande sei", insbesondere der „vorzüglich baufällige vordere Theil desselben". Er wies die Koblenzer Bezirksregierung an, den seit längerem geplanten Bau nicht weiter zu verzögern. Der wenige Jahre später fertig gestellte Neubau steht wie die schon erwähnte Volksschule und das ehemalige „Gasthaus zum Moseltal" (Moselstraße 14, Carl Riemann 1853) ganz in der Tradition der Lassaulx’schen Bauschule. Das um 1900 erweiterte Gebäude war bis 2007 Sitz einer Rendantur des Bistums Trier und beherbergt künftig das Sekretariat des Dekanats Cochem-Zell.

Doch kehren wir zurück in die Hauptstraße: Vorbei an mehreren überformten spätmittelalterlich-frühneuzeitlichen Häusern treffen wir an der Einmündung der Hafnerstraße auf ein mustergültig restauriertes Winzerhaus von 1622 (Hauptstraße 38), dass unmittelbar vor den Verheerungen des Dreißigjährigen Krieges erbaut wurde. Das frühbarocke Haus wartet mit original bemalten Ort- und Traufbrettern auf. Interessant sind auch die historische Ecklösung zur Verbreiterung der Straßeneinmündung und der überbaute Traufgang auf der anderen Hausseite.

Wenige Schritte weiter sehen wir zu unserer Linken das Rathaus der „Universitas de Ellenze". Es wurde 1541 errichtet und ist das älteste original erhaltene und genutzte Rathaus an der Mosel. Es war Vorbild für eine größere Zahl von Rathäusern des 16. Jahrhunderts und ersetzte ein schon 1337 erwähntes Vorgängergebäude. Der Bau wird von einem Bruchsteinuntergeschoss getragen. Ein offener Gang führt links durch das ganze Erdgeschoss bis zum Gemeindebackes (Backhaus) an der Hinterfront. Das gesamte erste Obergeschoss wird vom Gemeindesaal eingenommen. Eine achteckige Mittelstütze mit Knaggen und Kopfstück über einem Wulst trägt die Balkendecke. Moselfränkisches Schmuckfachwerk ziert die Vorderfront, rückwärtig befindet sich der spätgotische Giebelkamin. An der Südwand schloss sich bis ins 19. Jahrhundert das Schulhaus der Gemeinde mit dem gemeinsamen Treppenaufgang an.

Bergwärts hinter dem Rathaus steht das frühere Hospital der Pfarrei und Gemeinde Ellenz-Poltersdorf, das schon im 16. Jahrhundert erwähnt wird. Im 19. Jahrhundert wurde das restaurierungsbedürftige Gebäude als Landarmenhaus genutzt.

In der zur Mosel führenden Rathausstraße befindet sich zur Rechten der unscheinbare und teilweise baufällige Hof des 1516 aufgelösten Frauenklosters auf der Marienburg im Zeller Hamm (Marienburger Hof). Nach der Klosteraufhebung kam es zwischen der Mutterabtei Springiersbach und dem Kurfürsten von Trier zu Auseinandersetzungen um den Klosterbesitz, den der Landesherr für sich entscheiden konnte. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts gehörte das Anwesen zum kurtrierischen Hofgut, das insgesamt fast 20 Häuser in Ellenz umfasste.

Weiter zur St. Sebastianusstraße hin befindet sich links der Straße ein renoviertes spätgotisches Hofhaus aus der Zeit um 1500 (Hauptstraße 45) mit ehemaligem Schwebegiebel. Der rückwärtige Giebelkamin besitzt deutlichen Festungscharakter. Das Haus und die Nachbargebäude standen ebenfalls im Eigentum der Kurfürsten von Trier.

Das gegenüberliegende Winzerhaus um 1845 (Hauptstraße 42) ist wiederum im Stil der Moselklassizistik vom Lassaulx-Schüler und Kreisbauaufseher Carl Riemann errichtet. Zuvor (um 1500) dürfte an dieser Stelle das Wohnhaus des kurtrierischen Sekretärs Hubert Flade von St. Vith und seiner Ehefrau Margarethe Kelners von Ellenz gestanden haben. Daran erinnert noch die spätgotische Inschriftentafel über dem Eingang (Supraporte). Die Tafel stammt vermutlich von Peter von Wittlich, dem Baumeister der alten Ellenzer Kirche (um 1494) und trägt das Wappen des Trierer Kurfürsten Johann II. von Baden (1456-1503). Sie ist ein gutes Beispiel spätgotisch-trierischer Heraldik. Die Inschrift lautet ins neuhochdeutsche übertragen: „Deinen Tod, dessen Du sicher bist – und das Sterben, das Dich überkommt – dieser Welt Finsternis – die Freude der Ewigkeit – der fürchterlichen Hölle Pein – lass Dir allzeit in Deinen Gedanken sein! – In allen Deinen Werken – sollst Du dienend wirken. Erkenne Dich selbst.".

Die St. Sebastianusstraße, die früher Grabenstraße/Grabengasse hieß, trägt ihren Namen, weil sie die an der Mosel gelegene St. Sebastianuskapelle mit der 1967 fertig gestellten St. Sebastianus-Grundschule verbindet. Der hl. Sebastian erfreut sich noch heute in Ellenz-Poltersdorf besonderer Verehrung: Im Jahr 1624 erbaute man wegen der Befreiung von der Pest zu seinen Ehren eine Kapelle. Das Gotteshaus wurde in der Manier der sogenannten „Jesuitengotik" mit gerade hochgehenden Strebepfeilern errichtet. Gekrönt wird es von einem achtseitigem Dachreiter mit schöner schmiedeeiserner Zier. Die Kapelle ist jedes Jahr am Wochenende nach dem 20. Januar (St. Sebastiani) Ziel einer Prozession der örtlichen St. Sebastianusbruderschaft. Der Hauptaltar im Inneren der Kapelle, in den Formen einer italienisch beeinflussten Spätrenaissance, wurde von Emmerich von Metternich-Winneburg-Beilstein gestiftet.

Der nördlich der alten Grabengasse gelegene Dorfteil wurde durch die erwähnte Pestepidemie von 1624 besonders in Mitleidenschaft gezogen und war anschließend für mehrere Jahrzehnte kaum noch bewohnt Die älteren Bauten, wie etwa der Hof der Trierer Dompräsenz in der Brunnenstraße (Bohrgasse), wurde so durch die spätere Neubebauung fast bis zur Unkenntlichkeit verändert. Auch von den noch im einen Reisebericht von 1834 erwähnten Mauerresten eines ehemaligen Burghauses „moselabwärts am Gestade" ist leider nichts mehr zu erkennen. Dennoch laden schmucke Winzerhäuser und der Brunnenplatz den Spaziergänger auch hier zum Entdecken und Verweilen ein.

Folgen Sie dem historischen Rundgang nach Poltersdorf.